Sonntag, 23. März 2008
Abgesehen von der Tatsache, dass Russland - die Russische Föderation um genauer zu sein - das größte Land der Erde ist und daher einfach Teil des WSF Projektes sein muss, entstand die Idee dort hinzugehen vor über einem Jahr, während unserem Besuch in Schweden. Unser guter Freund Alex Bagrov, der dort lebt, hat seine Wurzeln in Sankt Petersburg (das ehemalige Leningrad) und wir stimmten zu, dass es cool wäre, dort auch zu fliegen.
Russland wurde im 9ten Jahrhundert von einem Wikinger Krieger aus Norwegen gegründet. Seitdem war seine Geschichte mannigfaltig - was würde man sonst von einem Land (oder Staatenbund) erwarten, welches 11 Zeitzonen umspannt, komplett Nordasien plus ungefähr 40% von Europa bedeckt und alle Hauptarten von Landschaften und Klimazonen beinhaltet. Daher ist es keine Überraschung, dass Russland die größten Energie- und Mineralquellen auf der Erde hat. Wenn man die Bevölkerung dieser Supermacht betrachtet, ist man (sehr) überrascht zu hören, dass es gerademal etwas über 140 Millionen sind - ohne Witz!
Unter der Führung von Michail Gorbatschow öffnete sich die UDSSR (Sowjetunion) mehr dem Westen (die sogenannte “Glasnost” Politik). 1991 brach die alte Union zusammen, geflogt von der heutigen Russischen Föderation; seitdem hat eine Vielfalt von Problemen das Land erschüttert. Erst die jüngste Regierungszeit von Vladimir Putin - obwohl manchmal vom Westen als undemokratisch kritisiert - hat der Nation einiges an Stabilität zurückgebracht.
Obwohl wir nur ein Touristenvisa hatten, war es ein weniger großes Problem als erwartet, eine gute Kameraausrüstung in das Land zu bringen. Der Helikopter verursachte eine kleine Diskussion, aber nichts, was nicht bewältigt werden könnte. Alex Bagrov und sein Vater Alexeji holten uns vom Flughafen ab und fuhren uns durch Sankt Petersburg. Abgesehen von furchtbaren Verkehrstaus zu bestimmten Zeiten und auf bestimmten Straßen, ist der alte Teil der Stadt gut restauriert und einfach atemberaubend! Sein Aussehen ist definitiv europäisch, nicht russisch - die Gründe dafür liegen ein Stück zurück in der Geschichte, als die Machthaber einer Politik der Offenheit gegenüber dem Westen folgten.
Wir haben erfahren, dass der Glanz schnell verblasst, wenn man die Gebäude betritt, es sei denn sie sind offiziell oder Touristenplätze. Trotzdem, Sankt Petersburg ist großartig!

Warum Sankt Petersburg für das WSF Projekt? Nun, es gibt eine große Anzahl guter Gründe. Neben der eindeutigen Tatsache, dass wir dort Freunde haben, war Sankt Petersburg dort für einige Zeit die russische Hauptstadt und nicht nur ein Mal. Es ist kulturell mit Sicherheit einer der wichtigsten Orte im ganzen Land, und es ist weltweit bekannt. Wie gesagt, die Stadt ist einfach erstaunlich - wieviele Gründe braucht man daher noch?
Richtig, eine typisch russische Architektur wäre nicht schlecht - guter Punkt! Aber kein Problem, da es eine große Kathedrale gibt, die in genau dem gleichen Stil erbaut wurde, wie die berühmte Basilius-Kathedrale in Moskau; sie wird die “Blut-Kirche” genannt. Der Name klingt grausam, aber sie wurde von Alexander III. in Erinnerung an die Ermordung seines Vaters erbaut.

Das Wetter in St. Petersburg ist mehr von der britischen Art: nass und wechselhaft. Am Tag unserer Ankunft war es bedeckt und es schneite, mit teilweise sehr niedrigen Temperaturen. Der zweite Tag war (unerwarteterweise!) viel besser, mit kurzen sonnigen Abschnitten. Wir trafen uns mit Alex, seinem Vater Alexeji und Heli-Alexey (ja wir wissen, eine verwirrende Namensvielfalt :-) ), aus einer coolen Gruppe von Piloten aus St. Petersburg. Es gab sogar noch eine Handvoll anderer Piloten, die dabei sein wollten, aber arbeiten mussten. Gut und schlecht zugleich, da es nicht ratsam ist, mit einer ganzen Gruppe von Leuten zu unangekündigten Scenic Flights aufzutauchen.
Das wahre Problem der Blut-Kirche ist, dass sie neben einem Kanal steht, der mit dutzenden (hunderten!) Stahl- und Elektrodrähten überspannt ist. Die meisten davon gehen direkt über das Wasser, einige davon sind aber diagonal gespannt und es gibt zusätzlich noch einige Bahnen in größerer Höhe. Hmm…
Wir warteten bis zwei Polizeipatrouillen den Platz passiert hatten, den wir ausgewählt hatten und positionierten den Heli dann in einer freien Parklücke. Alex war ein wenig besorgt wegen dem Verkehr und einigen Zuschauern, aber es war kein Problem verglichen mit anderen Plätzen, an denen wir schon zuvor geflogen sind. Das Wasser in Kombination mit den vielen Stahldrähten war eine Herausforderung, andererseits war es hilfreich, denn über dem Kanal zu bleiben bedeutete, dass keine Gefahr für irgendwelche Schaulustigen bestand. Unsere Strategie war, tief zu bleiben, nach Möglichkeit unter den ersten Stahldrähten.

Die ersten vier Durchgänge verliefen gut und glücklicherweise bekamen wir ziemlich gute Aufnahmen. Das darf man nicht als selbstverständlich ansehen, denn wenn man WSF-Aufnahmen macht, müssen viele viele Dinge bedacht werden; die Wichtigsten sind, wie man das relevante Objekt erfasst, eine gute Perspektive, gutes Licht, angemessene Größe des Helis im Vergleich zur gewählten Umgebung, Zeit genug für den Zuschauer um überhaupt wahrzunehmen was er sieht, geeignete Bewegungen des Helikopters, mögliche Dynamik in der Szene ebenso, wie beim Start und der endgültigen Kameraeinstellung zum Schluss. Nicht zu vergessen, die oftmals schwierigen Windverhältnisse wenn man an solchen Plätzen fliegt und dass der Pilot nicht immer frei in der Wahl seiner Position ist. Dazu kommt, dass Zuschauer sich nicht der potentiellen Gefahr bewusst sein könnten und dass die ganze Aktion von Offiziellen als ungesetzlich oder sonstwas wahrgenommen werden kann. Daher gibt es viele Dinge auf die man achten muss, während man fliegt und die oftmals sehr beschränkten Zeitfenster setzen einen zusätzlich unter Druck.

Wie auch immer, der fünfte Durchgang brachte den Heli wirklich nahe an einen der Drähte. Ich bin nicht sicher, ob ich ihn wirklich gesehen habe - sowohl Alex, als auch sein Vater haben ihn gesehen, aber unglücklicherweise haben sie nichts gesagt, um mich nicht mehr zu stressen, als zwingend notwendig. Fatal!!!
Mit einem zirpenden Klang stoppte der Heli plötzlich in der Luft, gefolgt von einem lauteren Klang von brechenden Rotorblättern. Das Ganze passierte wirklich sehr schnell! Der Heli hatte fast seinen gesamten Rotorkreis verloren und schien nach unten katapultiert zu werden. Er schlug ziemlich hart auf das Geländer neben dem Kanal und zerbrach in zwei Teile; das Heck fiel auf den Boden, während der ganze Rest direkt runter ins Wasser fiel. Dann wieder totale Stille - wer geblinzelt hatte, hatte die ganze Aktion verpasst!
30 Minuten später. Wir fuhren durch die Stadt und fanden letztlich einen Laden, der Fischerzubehör verkauft. Während Alex und Saskia einen langen Haken und ein Seil kauften, rief ich Nicolas Kaiser und Jan Henseleit an. Ich wusste es nicht genau, war aber ziemlich sicher, dass die Maschine beim Aufprall auf die Balustrade maßgeblich beschädigt worden war. Es stellte sich heraus, dass Jan unglaublich beschäftigt war, mit der Auslieferung der neuesten MP-XL Heli Serie (Anm.d.Übersetzers: ja, an mich! :-) ); zur selben Zeit frass eine (positive) Familienangelegenheit im wahrsten Sinne des Wortes sein letztes Stückchen Zeit auf. Trotzdem stoppte er sofort seine gesamte Arbeit, um seinen eigenen MP-XL E für uns auseinanderzubauen; vielen Dank! In der Zwischenzeit bereitete Nicolas Kaiser aus der Schweiz wieder einmal die FedEx Logistik, unterstützt von Big Boys Toys, vor um Jan’s Heli direkt nach Moskau zu schicken (nein, nicht St. Petersburg - das erklären wir später). Okay, so weit so gut!
Wir fuhren zurück zur Einschlagstelle, wo Heli-Alexey die Stellung hielt. Keine ernsthafte Polizeiaktion oder sowas seit dem Crash, daher war es sicher, nach dem Hauptteil des gesunkenen Helis zu fischen. Wie die meisten von euch wissen, war das nicht das erste Mal, dass ich ins Wasser gestürzt bin… :-) (Ich glaube es war sogar das 5te Mal!).

Vorausgesetzt es ist frisches Wasser, ist die Elektronik oftmals noch okay, wenn man sie langsam trocknet, daher ist es immer einen Versuch wert die Maschine zu bergen. Alex machte gute Arbeit - nach nur 10 Minuten war der MP-XL am Haken! Schwer beschädigt, inklusive Motor und Drehzahlregler, von der Mechanik ganz zu schweigen. Trotzdem ein gutes Gefühl, die Teile nicht zurücklassen zu müssen und nicht zu wissen, wie schwer der Schaden wirklich war.

Okay, soviel mal zur St. Petersburg Geschichte - kaputter Helikopter, aber erfolgreiche Mission. Wir fahren trotzdem weiter nach Moskau, also ist das Abenteuer noch nicht zu Ende. Bleibt dran!